Der Mann

Die letzten Jahrzehnte der weiblichen Emanzipation haben unter vielen Männern zu einer grossen Verunsicherung geführt. Vorbei sind die Zeiten der klaren Rollenverteilung, Frau zu Hause, Mann ernährt Familie. Die Erwartungen an den Mann, nicht nur im Beruf, sondern auch in Beziehung und Privatem eine Führungsrolle zu übernehmen, sind gestiegen. Dies führt unter vielen Männern zu Anspannung, Stress und Überforderung. Dazu kommt, dass Männer im Vergleich zu Frauen eher Probleme haben, Schwächen offen zuzugeben und über ihre Emotionen zu sprechen. Meistens dominiert die Haltung, alles schon irgendwie selber hinzukriegen.

Deshalb müssen gerade Männer lernen, sich wieder berühren zu lassen und Dinge an sich heranzulassen. Dies betrifft sowohl die eigenen Emotionen wie Ängste oder Wut als auch die Emotionen anderer. Sich berühren lassen heisst, für sich selber Verantwortung zu übernehmen. Zu spüren, wenn mich etwas nervt, mich anstrengt, wenn ich angespannt bin, wenn ich mich überfordert fühle. Es geht darum, diese Gefühle zuzulassen, um in Eigenverantwortung Lösungen dafür zu finden. Dabei muss ein Mann sich ausdrücken können. Sei es gegenüber seiner Partnerin, den Kindern, dem Chef, den Mitarbeitern, im Restaurant oder Hotel gegenüber dem Personal usw. Zeigt er im Alltag in aller Ehrlichkeit seine Emotionen, seine Verletzlichkeit, seine Schwächen, aber auch seine Wut und Entschlossenheit, werden sich bei ihm auch keine negativen Gefühle stauen. Denn diese finden immer ihren Weg und ihr Ventil. Wer sich bei der Arbeit nicht ausdrücken und anderen nicht die Meinung sagen kann, oder auch einfach einmal nein sagen kann, der nimmt seine Emotionen einfach mit nach Hause und schreit vielleicht die Kinder oder die Partnerin an. Oder er spürt immer mehr Müdigkeit und kann sich immer weniger mit überhaupt seinem Privatleben konfrontieren. Bei vielen zeigen sich auch gesundheitliche Symptome wie Energielosigkeit, schwache Nerven oder Burnout-Tendenzen.

Bei Singles besteht die noch grössere Herausforderung, aus der Komfortzone ihres alleine Seins herauszukommen. Da die Reibungsfläche der Partnerin fehlt, ist es für Singles einfacher, sich im Alltag mit gar nichts konfrontieren zu müssen und sich gar nicht berühren lassen zu müssen. Viele Langzeit-Singles spüren innerlich, wie es ihnen immer schwerer fällt, offen auf Menschen zuzugehen und Nähe zu kreieren. Immer kommt gleich diese Angst hoch, verletzt zu werden, und man findet 1000 Gründe und Erklärungen, warum man niemanden kennen lernt. Lernt ein Single-Mann dann mal eine Frau kennen, hat er rasch 1000 Gründe zur Hand, wieso sie eben doch nicht die Richtige ist. Oder er gibt sich vielleicht zaghaft in die Beziehung hinein, nur um dann nach den ersten handfesten Konflikten doch wieder alles hinzuschmeissen. Schnell sind auch oft Erklärungen zur Hand, dass alleine sein ja ganz ok ist und viele Vorteile bietet. All das sind natürlich nur Ausreden, um sich seiner Angst vor Nähe und Verletzung nicht stellen zu müssen. Würden diese Männer ihre wahren Gefühle hochkommen lassen, würde ausnahmslos jeder grosse innere Einsamkeit und das Bedürfnis nach echter Zweisamkeit spüren.